Ein paar Gedanken zum Einzelhandel

Der Einzelhandel beklagt sich ja bekanntlich immer wieder bitterlich, dass die bösen Online-Versender – allen voran ebay und Amazon – ihnen die Butter vom Brot nehmen und sie ihre Läden über kurz oder lang dichtmachen müssen. Ich hatte heute 2 Stunden Zeit, um mir auf einer absolut sinnlosen Autofahrt Gedanken darüber zu machen.

Projekt Birkenstock Boston

Ich habe neben anderen, sehr schönen Geschenken von meinen lieben Schwiegereltern einen Geldbetrag zu Weihnachten bekommen, den ich dankend annahm, weil ich mir davon ein Paar Schuhe kaufen wollte. Es handelt sich um die „Boston“ von Birkenstock. Einfach geniale, unkaputtbare und super bequeme, zeitlose Latschen für Indoor und Outdoor. Also setzte ich mich heute Mittag in’s Auto und fuhr nach Koblenz.

Dort gibt es laut Recherche zwei Geschäfte, die das Birkenstock-Sortiment führen; beides sind Orthopädie- und Sanitätshäuser (hört sich furchtbar gesund an, ich weiß, aber ist nun mal so).

Das erste Geschäft ist mitten in der City, verkehrsgünstig an einem Parkhaus gelegen. Also dort hin, das Auto im Parkhaus abgestellt und rein in den Laden.

„Guten Tag, bittesehr?“

„Ich hätte gerne ein Paar Birkenstock „Boston“.“

„Welche Größe?“

„42“

„Moment, die Kollegin schaut mal nach.“

Nach ca. 5 Minuten kam die Kollegin aus dem Keller und brachte mir ein Paar mit Filz-Oberfläche.

„Hm, wir haben die nur noch in grauem Filz, die wollen Sie bestimmt nicht.“

(Warum hat sie mich nicht gleich gefragt, dann hätte ich ihr gesagt, dass ich die Schuhe gerne in Schwarz oder Havanna-Braun haben möchte)

„Nein, kein Filz, schwarz oder Havanna, Leder.“

„Moment, ich schau mal nach…ah, ich sehe, in unserem Geschäft in M**** haben wir die noch in braun! KÖNNWERIHNEN BESTELLEN! Die sind dann morgen da!“

GENAU das habe ich mir gedacht! Ich soll also Schuhe in Braun kriegen, die ich dann morgen abholen kann, wahrscheinlich (nur Mutmaßung) 20,- € teurer als online.

„Nee, ich fahre morgen in Urlaub (halb gelogen), danke…“

„Tja, tut mir leid, da könnwer leider nichts für Sie tun. Tschü-hüss!“

Nachdem ich vollkommen sinnlose 1,50 € für das viel zu enge Parkhaus bezahlt habe, machte ich mich auf den Weg zur nächsten Adresse, ein Sanitätshaus etwas außerhalb. Super, die hatten zwischen den Jahren Inventur. Also wieder zurück in die Stadt.

Nun muss man ja der Fairness halber zugeben, dass in der Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr umgetauscht wird, als ob es kein Morgen gibt. Selbst schuld, könnte man sagen, dass man ausgerechnet dann Einkäufe tätigen muss. Aber manchmal soll es eben so sein, und wenn man sich durch übervolle Straßen quält und noch nicht mal das bekommt, was man haben möchte, dann ist das schon sehr frustrierend.

In der Stadt war ich mittlerweile wieder angekommen und stand in der Warteschlange vor der roten Parkhaus-Ampel zum Löhr-Center. Nach 10 Minuten habe ich genervt aufgegeben und fasste den Entschluss, nach Mülheim-Kärlich zu fahren. Das ist direkt eine Stadt weiter und beherbergt das größte Fachmarkt-Gewerbegebiet Deutschlands. Aber dort war der Wahnsinn noch größer, Autokarawanen und kein Fortkommen! Ich habe dann auch hier die Flucht ergriffen und fuhr zu meiner Bank, um das Weihnachtsgeld auf mein Konto einzuzahlen und mir die Schuhe online zu kaufen. Man glaubt es kaum, aber die sind morgen schon da, in der gewünschten Farbe, direkt vor meiner Haustür! Und zum fairen Preis!

Warum offline kaufen, wenn’s online besser geht?

Mal ehrlich: für ein blödes Paar Schuhe habe ich jetzt zwei Stunden im Auto gesessen, Sprit verfahren und Geld für das Parkhaus bezahlt. Für nichts und wieder nichts. Ach ja, meine Nerven habe ich auch strapaziert.

Ich hätte ja kein Problem damit, wenn ich zwei Stunden durch die Gegend gedüst wäre, dann aber den gewünschten Artikel in Händen hätte halten können (noch schöner wäre es natürlich gewesen, nur eine halbe Stunde investiert zu haben und das gewünschte Produkt erstanden zu haben). Aber wenn man etwas haben möchte und nur den blöden Satz „Könnwerihnen bestellen!“ hört, sagt man unweigerlich in sich hinein: „das kann ich auch selbst…“.

Das besagte Geschäft hat außerdem eine liederlich gemachte Webseite, die Null Informationswert hat und wo sogar die Buttons zum Draufklicken in Java (!!!) erstellt sind. Das kann man sich dann auch genausogut sparen.

Und da wundern sich die Einzelhändler, dass jeder nur noch online kauft? Ernsthaft? Jetzt mal unter uns: ich würde liebend gerne im Geschäft kaufen. Dann müsste das Geschäft aber auch etwas dafür tun, dass ich nicht den gleichen Artikel online woanders bestelle:

  • Gute Auswahl
  • freundliche Verkäufer
  • kostenlose Parkmöglichkeiten oder einen Zuschuss für das Parkticket (bzw. dieses entwerten)
  • die Möglichkeit, im gleichen Geschäft auch wahlweise über den Online-Shop bestellen zu können (einen Online-Shop einzurichten, ist mittlerweile keine Raketenwissenschaft mehr)
  • vernünftige Preise (und nicht 20-30% teurer als online)

Dass das geht, beweist ein Elektrofachmarkt in Koblenz (nein, nicht M****-Markt oder S****n): öffentliches Parkhaus mit Rückerstattung der Parkgebühr an der Kasse, fundierte Beratung, Riesenauswahl und Online-Shop. Sogar preislich wird dem Kunden bei Bedarf entgegengekommen – so macht Einkaufen Spaß!

„Ja“, wird da der Leser vielleicht sagen, „kleinere Läden können sich das doch gar nicht leisten!“ Dazu sage ich: „Doch, wenn sie auf teure Werbung im wöchentlichen Käseblatt, im Regionalfernsehsender oder auf Plakatwänden verzichten und für das gleiche Gehalt ordentliches Personal einstellen, das Ahnung hat, wie man mit Kunden umgeht. Und dem Kunden, der ja bekanntlich sein mühsam verdientes Geld im besten Falle dort lässt, entgegenkommen.“ Wie, habe ich in der obigen Aufzählung beschrieben. Das muss nicht teuer sein, es kommt darauf an, wie man das umsetzt.

Ist aber alles kein Geheimwissen oder Hexenwerk, nach mehr als 15 Jahren sollte eigentlich jeder Ladenbesitzer gemerkt haben, die die Dinge laufen…

Martin

Martin

Ich habe maxbambi gegründet als Plattform für Menschen, die etwas zu sagen oder zu zeigen haben. Die gerne ihre eigenen guten Artikel und Bilder veröffentlichen wollen, ohne immer nur auf facebook zurückgreifen zu wollen. Die ihre Gedanken, Gefühle und Ideen, Zukunftsvisionen und Fotografien auf anspruchsvolle Weise mit dem Rest der Welt teilen möchten.

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Ich bin Dein Redakteur für das 21. Jahrhundert. Gute Unterhaltung.
Martin

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