Nebel der neuen Welt

Mainz-Finthen, Dezember 2032. Daniel Günther.

Nach Hause
Es fällt Schnee. Seit langer Zeit mal wieder – die Winter sind wärmer geworden, und das ist seit vielen Jahren einer der wenigen, an dem es mal wieder schneit. Ich gehe auf einer langen Straße, die von kalten Laternen erleuchtet wird. Häuser zu meiner rechten und linken Seite, manche Fenster sind erleuchtet. Ich sehe nach oben, in das Licht der Straßenlaternen: eine Kaskade von kleinen, weißen Flocken fällt auf mich herab, der Himmel über mir ist schwarz vor lauter Kälte. Schwarz und gefühllos. Es ist eiskalt, ich zittere trotz dicker Jacke.

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Ein Tag vor Heiligabend. Ich gehe nach Hause, habe bis eben gearbeitet, bin durchgefroren, will mich aufwärmen, eine Tasse Kakao trinken und mir Gedanken machen, wie und bei wem ich Weihnachten verbringen soll. Will nichts mehr wissen von Telefonaten mit Kunden, Büroarbeit, Kopien, unzähligen Zigaretten, benutzten Kaffeetassen, Zeitnachweisen, Softwareproblemen, Neonbeleuchtung, gereizten Kollegen und überflüssigen Ausdrucken. Ich will einfach nur heim und in meine warme, gemütliche, kleine Welt.

Ich schaue auf meine Füße, auf die Winterschuhe aus braunem Wildleder mit Kränzen von Streusalz, die Spuren im Schnee hinterlassen. Es knirscht leise, die Schneedecke wird langsam dicker. Die Flocken bleiben liegen auf dem grauen Asphalt. Vier Zentimeter Schnee sind das bestimmt schon, es hat vor ungefähr einer Stunde angefangen zu schneien, und jetzt ist es unter Null. Ich war noch in der Firma, als ich im Radio hörte, dass es kalt wird und das Sturmtief „Viviane“ uns ab heute Abend erwischen wird. Ich erinnere mich noch an den Kälteeinbruch 2018, als halb Deutschland auf den Autobahnen festsaß und mit Decken und heißem Tee vom Rettungsdienst versorgt wurde. Also habe ich schnell meine Sachen gepackt und bin so gegen 17 Uhr gegangen. „Frohe Weihnachten!“„Ja, frohe Weihnachten, dir auch!“ Dieter saß in seinem Pförtnerhäuschen, das mit einer weihnachtlichen Girlande geschmückt war und hob seine Hand zum Abschied. Langsam fing es an, aus dem dunkelgrauen Himmel zu schneien, als ich mich auf den Weg zur Haltestelle machte.

Mit der Citybahn in die Stadt, am Bahnhof umsteigen. Leise ratternde Waggons, monotone Durchsagen, helle Beleuchtung von der Decke und grinsende Menschen auf den Displays, die dich davon überzeugen wollen, dass du ganz dringend ein neues Samsung S10 haben musst – wegen der 50 Millionen Apps, der Home-Automation, den vielen Fitness-Sensoren. Graue Menschen auf den Sitzen, mit grauen Gesichtern, dunklen Mänteln, Resignation, Hoffnungslosigkeit, biedere Vorweihnachtsstimmung. Mit Tüten vom „MediaMarkt“, in denen der Traum vom Heiligen Abend steckt.

Aussteigen und noch ein Kilometer Fußmarsch nach Hause…durch die kalten Straßen, an parkenden Autos vorbei, die mit einer dicken Schneeschicht bedeckt sind. Immer wieder seltsam, wie alles leise wird, wenn es schneit. Man ist konzentriert auf das Geräusch seiner Schritte, aber sonst hört man nichts. Alle anderen Geräusche sind gedämpft und weit entfernt. Aber meine Schritte im Schnee, die höre ich. Laut und deutlich knirscht es mit jedem Schritt. Sehr laut. Sehr deutlich. Mit einem leichten Nachhall, einem leisen Echo, das von den Häuserwänden reflektiert wird. Wenn ich fester auftrete, wird das Geräusch lauter.

Ich springe in den Schnee: „Krrrrr…rrrr…rrr…rrrrrr“. Es ist verrückt, das einzige laute Geräusch in dieser Winternacht. Es wird von den Fassaden reflektiert und ich höre ein Echo. Die Sache amüsiert mich, es hört sich wirklich außergewöhnlich an. Ich springe mit beiden Füßen in den Schnee.

KRRRRRAKKKKKKKKKKKK…….KKKKK……..KKKKKKK………!!!

Das Geräusch ist so laut, dass ich der festen Meinung bin, dass gleich alle Fenster aufgehen werden in dieser ansonsten so stillen, kalten Nacht. Damit hatte ich nicht gerechnet! Aber nichts passiert, die Fenster bleiben zu. Das Echo verhallt langsam. Ich sehe mich um: kein Auto fährt, niemand außer mir ist auf der Straße zu sehen. Ich sehe nur die Schneeflocken, die im kalten Licht der Straßenlampen langsam zu Boden fallen. Und ich…höre sie!

„ksssss. ksss. ksss. kssss…..“

Es raschelt ganz leise…kaum hörbar…aber es raschelt. Jede einzelne Flocke raschelt, wenn sie auf dem Boden auftrifft. Ich höre jede einzelne Flocke; alle zusammen bilden einen Klangteppich aus weißem Rauschen.

Faszinierend, welche Sinneseindrücke man hat, wenn man nur genug überarbeitet ist. Immerhin habe ich die ganzen letzten Wochen lang 10-Stunden-Tage hinter mich gebracht, weil einfach zu viel Arbeit und zu wenige Kollegen da waren. Jeden Tag literweise Kaffee, reichlich Zigaretten und zu wenig gegessen bei gleichbleibend hohem Stresslevel. Das habe ich nun davon. Ich höre den Schnee fallen! Ich bin froh, dass ich wenigstens über Weihnachten ein paar Tage frei habe, um mich zu erholen.

Ich trete behutsam auf, damit ich nicht hören muss, was ich nicht hören will – meine eigenen Schritte. In meinen Ohren rauscht der Schnee immer lauter. Und zum Glück sehe ich die Hofeinfahrt meiner Wohnung in etwa 20 Metern Entfernung. Nur schnell nach Hause.

Ich öffne das schmiedeeiserne Tor und der Bewegungsmelder springt an und macht mir Licht. Das Tor könnte auch mal wieder geölt werden, es gibt Furcht erregende Laute von sich, wie der Eingang zu einem alten Spukschloss. Laut klappernd schließt es sich und ich gehe auf den verschneiten Steinplatten auf meine Haustür zu.

Und dann sehe ich etwas neben mir liegen: zuerst dachte ich, es wäre eine nasse Stelle im Schnee, wo jemand Salz gestreut hat oder an der der Boden etwas wärmer ist. Eine dunkle Stelle in der Schneedecke. Ich nehme meinen Schlüsselbund aus der Tasche, fingere mit kalten Händen nach der kleinen LED-Lampe und sehe mir die Stelle genauer an. Sie ist abgetaut, in einem Bereich von vielleicht fünfzig Zentimetern. Ich kann im hellen Lichtkegel das dunkle Gras sehen. Und mittendrin liegt ein toter Vogel. Ein toter, glänzender Vogel mit gelbem Schnabel, vielleicht eine Amsel, mit geöffneten Augen, die Richtung Himmel schauen. Die raschelnden Schneeflocken fallen auf ihn nieder und schmelzen sofort mit einem hässlichen Geräusch, das sich für mich anhört, als ob ein Insekt in eine dieser elektrischen Fallen fliegt und verschmort. Irgendetwas stimmt nicht mit diesem Vogel, er scheint warm, sogar heiß zu sein. So warm, dass der Schnee schmilzt. Und außerdem glänzen seine toten Federn wie frischer Teer. Mich überkommt Übelkeit. Dieser Vogel ist nicht nur tot, er ist anscheinend zersetzt! Mit meinem rechten Fuß berühre ich ihn leicht, und die fettig glänzenden Federn fallen auseinander. Innendrin scheint er nur aus grauem Schleim zu bestehen. Ich unterdrücke meinen Brechreiz mühsam. Der graue Brei fließt aus dem Kadaver heraus. An meinem Schuh klebt schwarzes Öl. Ich wende mich ab und gehe schnell auf meine Wohnungstür zu. Mein Herz klopft wie verrückt. Oh Gott, was ist das?! Vögel sterben manchmal, das ist normal, und ab und zu landen sie auch vor deinen Augen. Aber sie sehen aus wie tote Vögel, und nicht wie das, was da im geschmolzenen Schnee liegt. Ich laufe weg, damit ich das nicht länger sehen muss.

Ich stehe vor meiner Haustür, versuche, mit steif gefrorenen Fingern den Schlüsselbund aus der Jackentasche zu holen. Ich taste nach dem Haustürschlüssel, das ist der größere, eckige. Ich lasse den Schlüsselbund fallen, meine Finger sind so kalt und steif gefroren. Der Schlüsselbund landet mit einem lauten „KLIRRRRRRR!!!“, das von den Hauswänden zurückgeworfen wird, auf dem Boden vor der Tür. Ich bücke mich, um ihn aufzuheben. Noch ein Versuch, die Tür aufzuschließen. Zitternd führe ich den Schlüssel zum Schloss, ich weiß nicht, ob es Kälte oder Panik ist. Er gleitet in das Schlüsselloch, und ich drehe ihn um. Die Tür öffnet sich. Dunkelheit, Kälte, ein langer Gang. Schnell das Licht anknipsen! Es kann alles nicht schnell genug gehen: ich fingere an der Wand entlang und drücke auf den Schalter…und das Licht geht endlich an.

Den hastig abgezogenen Schlüsselbund in der Hand stolpere ich in den erleuchteten Gang und werfe die Tür hinter mir zu. Draußen, in der Ferne, höre ich ein Geräusch, das so klingt, als ob sich ein schlecht geöltes Tor quälend in den Angeln dreht. Es dröhnt in Zeitlupe durch meinen Kopf, durch die Straßen, durch jeden Teil meines Körpers. Wie das Brüllen einer namenlosen, riesigen Kreatur.

„WUUUUUHUUUUUUUUUUUUUU………………“

Nach dem langen Schlaf
Zwei Tage später, am 25. Dezember, werde ich am frühen Morgen wach, die Leuchtziffern meines Weckers zeigen 5:47. Ich hatte einen Alptraum: ich gehe durch die Straßen meines Heimatdorfes, es ist Nacht, die Straßen sind schwach beleuchtet. Ich sehe in eine Gasse hinein, dort ist ein grauer Schatten, der sich bewegt. Es sieht aus wie ein Mann in einem Sack, der hilflos versucht, sich zu bewegen, damit er frei kommt. Ich gehe näher heran und die Lichtverhältnisse ändern sich schlagartig – wie wenn ein Scheinwerfer von hinten die Szene beleuchtet. Ich sehe im Gegenlicht, dass es kein Mann im Sack ist, sondern ein großer, unförmiger Klumpen, der sich bewegt. Es scheint, als ob aus ihm Arme und Beine herauskommen, die aber wieder in seinem Leib verschwinden. Es bewegt sich sehr schnell und dann höre ich eine Stimme durch die Straßen hallen: „Geh‘ nur hin, das bist du! Schau es dir an! Das wirst du sein, schon bald! Das ist dein Körper!“ Als ob ich gelähmt bin, gehe ich mechanisch zu dem sich windenden Stück. Es hat Haare, aber auch nacktes, schwarzes Fleisch, mehrere Löcher, in denen faule Zähne sind. Ein Arm bildet sich, schnellt heraus und packt mich. Ich wache auf, als ich in eine schwarze Öffnung an diesem Leib sehe und panisch versuche, mich zu befreien.

Ich liege nun seit drei Tagen auf meinem Bett, nass geschwitzt und immer noch müde. Die Wohnung ist in ein trübes Licht getaucht, als ich versuche, mich zu orientieren. Ich habe drei Tage geschlafen! Drei ganze Tage!

Am Abend des Dreiundzwanzigsten kam ich nachhause, bin in meine Wohnung gestolpert, als ich diesen öligen Überrest eines Vogels gesehen hatte, bin mit Herzklopfen durch meine Tür gestolpert, schlug sie zu und versuchte, meinen Mantel und meine Schuhe auszuziehen. Dabei stolperte ich und fiel längs in den Flur. Mit knapper Not hatte ich es geschafft, mir meine Sachen auszuziehen und mich auf mein Bett zu legen.

Die Panik stieg in mir hoch, als ich im halb aufgeknöpften Hemd und mit einer Socke bekleidet rücklings auf dem Bett lag, die Nachttischlampe eingeschaltet. Ich schaute zur Zimmerdecke, die irgendwie pulsierte. Lichtblitze in meinem Blickfeld. Ich fühlte mich hilflos und wurde wahrscheinlich bewusstlos. So konnte es eigentlich nur gewesen sein. Und jetzt musste ich auf‘s Klo! Immerhin hatte ich drei Tage nicht mehr gepinkelt, und meine Blase fühlte sich übervoll an. Ich stand aus dem Bett auf und ging langsam zur Toilette, denn sowohl meine Orientierung als auch mein Kreislauf waren nicht optimal. Als ich die Toilettentür schloss, die Unterhose herunterließ und mich auf die Klobrille setzte, war ich froh, als ich mich endlich entleeren durfte. Während es noch plätscherte, sah ich neben mich, wo auf einem kleinen Regal die Zeitschriften liegen.

Aus dem „STERN“ der letzten Woche schaute seitlich eine Ecke heraus. Ich nahm die Zeitschrift und zog an der Ecke – es war ein Bild von meiner Freundin Anne, das ich als Lesezeichen hineingelegt hatte. Ein älteres Bild, als sie noch kurze Haare trug, vielleicht vor fünf Jahren aufgenommen. Ich hatte es damals gemacht, als wir auf der Party eines ihrer Arbeitskollegen waren. Anne arbeitet als Lektorin in einem Fachverlag. An diese Party konnte ich mich gut erinnern; ich war blau und sie war lustig. Wir saßen später im Garten des Gastgebers auf Kinderschaukeln und schauten in den sternenklaren Himmel. Es war der Sommer 2028, Juli. Dann fragte sie mich, ob ich Kinder wolle und ich weiß noch genau, als ich sagte: „Na klar, wenn du keinen dicken Bauch davon bekommst, das finde ich nämlich unsexy.“ Sie lachte und schaukelte, ihr Rock wurde vom Wind beiseite geweht und ihr schwarzer Slip war zu sehen. Es war ein schöner Abend, an den ich bis heute gerne denke. Die Sterne schauten auf uns herab und ich war glücklich.

Anne. Warum hat sie sich nicht gemeldet? Ich beendete den Toilettenbesuch, ging die Stufen hinab ins Wohnzimmer und suchte mein SmartFold. Ich entdeckte den kleinen, eingerollten Streifen in einer Ecke des Sofas. Er blinkte in einem fahlen, orangen Licht – das war gut zu sehen im Halbdunkel des unaufgeräumten Wohnzimmers mit den halb zugezogenen Vorhängen – also musste ich mindestens eine Mitteilung oder ein entgangenes Telefonat haben. Ich nahm das kleine Röllchen in die Hand, drückte auf den Knopf am Rand und das Display entfaltete sich. Zwei Mitteilungen und drei entgangene Anrufe. Nach einem Fingertipp auf das entsprechende Symbol im Display sah ich, dass Anne versucht hatte, mich anzurufen. Dann öffnete ich die Nachrichten:

„Hey Dani, schöne Weihnachten! Bei meinen Eltern ist das Essen großartig und ich freue mich schon, Dich an Silvester wieder zu treffen. Lass‘ es Dir gutgehen, Süßer. Bis später, ich ruf‘ Dich an! Deine Anne.“

Dann, einen Tag später:

„Alles klar bei Dir, Dani? Ich hoffe, Dir geht es gut. Ich konnte Dich nicht erreichen, alles klar bei Dir? Bei uns ist alles prima, es ist so schön, meine Schwester mal wieder zu sehen. Love, Anne“

Und schließlich die Mitteilung von heute:

„Alles klar??? Du meldest Dich gar nicht, ich fange an, mir Sorgen zu machen. Gib doch mal ein kurzes Lebenszeichen von Dir. Ich bin etwas in Sorge. Deine Anne“

Martin

Martin

Ich habe maxbambi gegründet als Plattform für Menschen, die etwas zu sagen oder zu zeigen haben. Die gerne ihre eigenen guten Artikel und Bilder veröffentlichen wollen, ohne immer nur auf facebook zurückgreifen zu wollen. Die ihre Gedanken, Gefühle und Ideen, Zukunftsvisionen und Fotografien auf anspruchsvolle Weise mit dem Rest der Welt teilen möchten.

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Ich bin Dein Redakteur für das 21. Jahrhundert. Gute Unterhaltung.
Martin

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